„Es kann per Definition keinen Rassismus gegen Weiße geben!“ – Stimmt das eigentlich?

In den letzten Wochen konnte man in diversen Artikeln und sehr stark auch auf Twitter die Behauptung finden, es könne „schon per Definition“ keinen Rassismus gegen Weiße geben. Wenn also – wie in letzter Zeit häufiger geschehen – Weiße von taz und Missy Kolumnistinnen als „Köterrasse“, „Almans“ oder „Kartoffeln“ mit „Dreckskultur“ bezeichnet werden, sei das eine Form von Aktivismus aber keinesfalls Rassismus.

SZ: „Hört auf zu jammern, alte weiße Männer“

Edition F „Dear White People“, es gibt keinen Rassismus gegen Weiße

Der Freitag „Sexismus lässt sich nicht umdrehen“

ZEIT online „Alltag Rassismus“

taz „Weißsein ist eine Droge“

Das wirft die Frage auf, ob die Behauptung, Rassismus gegen Weiße sei nicht möglich, zutrifft und wer überhaupt verbindlich definiert, was als Rassismus gilt. Um das zu prüfen, braucht man natürlich erst einmal die gültige Definition von „Rassismus“. Die Organisation Human Rights schreibt dazu auf ihrer Website:

„Es gibt keine allgemein akzeptierte Definition von Rassismus. Viele Kontroversen über die Bedeutung des Wortes «Rassismus» erklären sich daraus, dass eine enge und eine weite Bedeutung des Ausdrucks parallel genutzt werden.“

Oha. Keine allgemein akzeptierte Definition? Ganz so einfach scheint es dann doch nicht zu sein. Einige Soziologen halten den Begriff des Rassismus inzwischen aufgrund der Vielzahl von Abgrenzungsproblemen für generell untauglich und empfehlen, ihn nicht mehr zu verwenden. Aber was ist dann die Grundlage der Behauptung, Rassismus gegen Weiße sei „per Definition“ gar nicht möglich?

Beim Freitag ist man da jedenfalls sehr allgemein:

„Wenn dich ein Kanake, ich zum Beispiel, im Internet „Alman“ oder „Kartoffel“ nennt, heißt es nicht, dass du Rassismus erfahren hat. Ich kann verstehen, dass es dir nicht gefällt, beschimpft zu werden. Aber Rassismus ist etwas anderes, lies es unter #MeTwo nach.“

Eine Begründung oder konkrete Definition wird hier von der Autorin Ash Kay nicht geboten.

Im Artikel „Hört auf zu jammern, alte weiße Männer“ bei der  SZ wird ausschließlich auf die Rassismusdefinition der Soziologin Robin DiAngelo verwiesen. Nach DiAngelo soll Rassismus definiert werden:

„als strukturelles System, in dem weiße Menschen »soziale und institutionelle Macht über people of color« haben. „

 Nach der Definition von DiAngelo wäre Rassismus gegen Weiße tatsächlich nicht möglich, denn DiAngelo verengt den Begriff bewusst von vornherein auf Handlungen die von Weißen ausgehen. Ein Rassismus an Weißen wäre hiernach nicht möglich Genau so wenig könnten beispielsweise Asiaten rassistisch gegenüber Schwarzen sein.

Auch bei ZEIT online darf DiAngelo noch einmal zu Wort kommen:

„ZEIT: Wie ist es dann überhaupt für Weiße möglich, über Rassismus zu diskutieren?

 DiAngelo: Indem wir lernen, anders über Rassismus zu denken. Nämlich nicht mehr als individuelle, aktive und bewusste Handlungen einzelner Personen, sondern als internalisierte Haltung, die in jeder und jedem Weißen steckt.“

Die SZ und auch die ZEIT verschweigen ihren Lesern leider, dass DiAngelo als Anhängerin der radikalen „critical whiteness“ Bewegung hier eine extreme Mindermeinung vertritt. Die Definition von DiAngelo wird bei der SZ einfach als aktueller Stand der Forschung dargestellt. Die in der Soziologie eigentlich vorherrschende Rassismusdefinition wird zwar kurz angerissen und dann behauptet:

Fachlich aber ist diese Definition völlig überholt und, wie wir in unseren Debatten täglich sehen, schädlich.“

Ganz so einfach ist es allerdings nicht.

 

Definition nach Albert Memmi

Nach der weit verbreiteten und breit anerkannten Definition von Albert Memmi bedeutet Rassismus:

„die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen“

Bei dieser Definition nach Memmi gibt es, anders als bei der von DiAngelo, keine Ausnahme oder Beschränkung, die Weiße davon ausnimmt, Opfer von Rassismus sein zu können.

 

Definition nach George M. Fredrickson

George M. Fredrickson definiert Rassismus als:

eine Denkweise, wodurch «sie» sich von «uns» dauerhaft unterscheiden, ohne dass es die Möglichkeit gäbe, die Unterschiede zu überbrücken. Dieses Gefühl der Differenz liefert ein Motiv beziehungsweise eine Rechtfertigung dafür, dass «wir» unseren Machtvorteil einsetzen, um den ethnorassisch Anderen auf eine Weise zu behandeln, die wir als grausam oder ungerecht ansehen würden, wenn Mitglieder unserer eigenen Gruppe davon betroffen wären

Auch hier gibt es keine Ausnahme zu Lasten von Weißen. Ganz im Gegenteil, die von den Anhängern DiAngelos geforderte Ausnahme für Weiße wäre nach dieser Definition gerade selbst ein Akt des Rassismus.

 

Definition nach Johannes Zerger

Nach Johannes Zerger bedeutet Rassismus:

„Ideologien und Praxisformen auf der Basis der Konstruktion von Menschengruppen als Abstammungs- und Herkunftsgemeinschaften, denen kollektive Merkmale zugeschrieben werden, die implizit oder explizit bewertet und als nicht oder nur schwer veränderbar interpretiert werden.“

 

Definition Europäische Kommission

 Die Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz definiert Rassismus als

„die Überzeugung, dass ein Beweggrund wie Rasse, Hautfarbe, Sprache, Religion, Staatsangehörigkeit oder nationale oder ethnische Herkunft die Missachtung einer Person oder Personengruppe oder das Gefühl der Überlegenheit gegenüber einer Person oder Personengruppe rechtfertigt“.

 Auch hier ist eine Ausnahme für Weiße nicht vorgesehen. Die Abwertung von weißen Deutschen als „Kartoffeln“ wäre Rassismus.

 

Position der Amadeu Antonio Stiftung

Bei der wegen Zensurvorwürfen umstrittenen Amadeu Antonio Stiftung räumt man die Möglichkeit, dass auch Weiße von Rassismus betroffen sein können, grundsätzlich ein – die rassistische Beschimpfung von Weißen soll dann aber wegen fehlender „gesellschaftlicher Dimension“ trotzdem nicht unter den Begriff des Hate Speech fallen:

Rassismus gegen Weiße zum Beispiel kann situativ stattfinden, hat jedoch keine gesellschaftliche Dimension. Entsprechend fallen abwertende Aussagen über Weiße (z.B. »Kartoffel«) nicht unter Hate Speech, da ihnen schlicht die gesellschaftlichen Konsequenzen fehlen.

 

Fazit

Abgesehen von radikalen Vertretern des critical whiteness wie DiAngelo ist es keineswegs „Stand der Forschung“, dass  Weiße „per Definition“ nicht auch das Opfer bzw. Ziel von Rassismus sein können. Es ist auch eigentlich kein Grund erkennbar, warum eine bestimmte Gruppe hiervon ausgenommen werden sollte oder müsste.

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