Bei den Domspatzen

Wer es bisher noch nicht aus der Presse mitbekommen hat. Die katholische Kirche hat offenbar über Jahrzehnte unter der Bezeichnung „Domspatzen“ einen Kinderchor mit Internat eine Art Strafanstalt für Kinder unterhalten. Wer sich zu diesem Thema nicht nur mit Einzelzitaten in den aktuellen Berichten der Presse

Spiegel

FAZ

Zeit

begnügen möchte kann sich den vollständigen Abschlussbericht – „Vorfälle von Gewaltausübung an Schutzbefohlenen bei den Regensburger Domspatzen“ hier herunterladen.

Nach dem Lesen muss ich sagen, man vertrat bei den Domspatzen offenbar den erzieherischen Ansatz, dass Kinder schwer misshandelt und innerlich gebrochen werden müssen, damit sie schön singen.

Auf Hygiene wurde dort sehr geachtet:

„Direktor M. stand an dem Hebel mit dem er das Wasser ‚steuerte‘. Je nach Belieben machte er es eiskalt oder extrem heiß. Er schrie und prügelte, wenn Kinder aus dem Wasserstrahl gingen. Es musste immer schnell gehen und so mancher konnte sich nicht mal mehr die Seife abwaschen.“
(Bericht Seite 52)

„Als er einmal beim Duschen das Handtuch vergaß, hat Herr H. einen Knoten hineingemacht, es durchnässt und es ihm sodann ins Gesicht und auf den Körper geschlagen. Die Kinder sind routinemäßig beim Auslauf ins Gesicht geschlagen worden“ (Bericht Seite 42)

Auch Gottesfurcht war den Betreibern dieser Einrichtung offenbar sehr wichtig:

„Bei der Frühmesse hat M. (während der Hostienausgabe) einen Ministranten wegen eines Fehlers so heftig geohrfeigt, dass dessen Brille brach.“
(Bericht Seite 43)

Die bei den Domspatzen tätigen Erzieher scheinen sehr empfindsame Menschen gewesen zu sein, die jede Art von nicht genehmigter Lautäußerung der Kinder an den Rand der Raserei gebracht haben.

„Beim Essen herrschte absolutes Stillschweigegebot, das auch streng kontrolliert wurde. Die Stimmung war dementsprechend gedrückt – auch aus Respekt vor Konsequenzen bei Fehlverhalten.“ (Bericht Seite 46)

„Wenn nach Anordnung des Stillschweigens auch nur ein Domspatz einen Laut von sich gab, wurde er sofort nach vorne zu Herrn H. beordert und danngab es brutale Schläge mit einem Stock auf die Hand. Konnte jedoch kein Schwätzer ermittelt werden, mussten wir alle antreten. Es wurden alle geschlagen, solange bis einer den Schwätzer verraten hatte.“ (Bericht Seite 47)

Auf die angemessene Ernährung der ihnen anvertrauten Domspatzen hat die Internatsleitung offenbar großen Wert gelegt.

„Aus heutiger Sicht wohl am drastischsten im Zusammenhang mit den Essenzeiten in Etterzhausen und Pielenhofen wirken die Berichte zum Essenszwang.Der Teller musste leer gegessen werden, ob man wollte oder nicht.“(Bericht Seite 49)

„Selbstverständlich ergaben sich durch die strikten Regeln während des Essens zahlreiche Anlässe für Gewaltvorfälle. Die Sanktionen waren dabei unterschiedlich; die Bandbreite erstreckte sich von körperlicher Gewalt über Strafe stehen bis hin zu Essensentzug oder Essenszwang.“ Bericht Seite 47)

„So geschah es, dass ich den Nachbarn fragte, ob er mir die Butter herüberreichen wolle. Das hätte besser nicht passieren sollen. Als der Präfekt mich bei meiner Frage erspäht hatte, klingelte er mit seiner Glocke und deutete stumm auf mich und auf die rechte Wand des Speisesaals. Das war das Ende meines Mittagessens. Ich musste aufstehen, mich an die Wand stellen und den anderen beim Essen zusehen.“ (Bericht Seite 48)

„Auch beim falschen Streichen eines Butterbrots hat es Strafen gegeben.“ (Bericht Seite 48)

„Während des Essens, es gab eine Eierflaumsuppe. Der Junge neben mir sagte zu H.: ‚Ich kann diese Suppe nicht essen, ich bekomm Asthma.‘. H. schlug dem Buben ins Gesicht, der sich weigerte die Suppe zu essen. Der Bub nahm den Löffel und weinte. H. ging weg und als der Bub den Löffel zum Mund nahm, hielt ich seinen Arm fest und sagte, ich esse sie schnell. Hastig habe ich die Suppe gelöffelt und wurde von H. erwischt. Sofort schlug er mir ins Gesicht und sagte‚wir sehen uns im Präfektenzimmer‘. Der Junge bekam eine neue Suppe, lief gefleckt an, seine Lippe wurde dick. Er sagte noch, seine Zunge ist pelzig und er bekommt keine Luft. Beim Abendessen war der Stuhl neben mir leer. Den Schüler habe ich nie mehr gesehen, seinen Namen weiß ich leider auch nicht.“ (Bericht Seite 50)

domspatzwerden

Aber eigentlich ging es bei den Domspatzen ja wohl um das Singen.

„Domkapellmeister R. verfiel oft in rasende, unkontrollierte Wutausbrüche bei Chorproben und watschte und schlug dabei auf uns Sänger ein.“ (Bericht Seite 215)

Das oft wirklich lange Einsingen von bis zu 45- 60 Minuten bei klirrender Kälte im Vorraum des Doms, nachdem wir erstmal zu Fuß auch bei Kälte und Eis mit Halbschuhen dorthin gehen mussten, ist mir auch heute noch in schrecklicher Erinnerung. Völlig unterkühlt leistete man dann im Anschluss den Chordienst im Gottesdienst, welcher ja im nicht beheizten Dom ebenfalls in Kälte stattfand und erschwerend kam nun hinzu, dass wir nun ohne Winterjacke, sondern nur mit den leichten ‚Überzieh-Kutten‘ bekleidet waren, welche wir über unseren ‚Dienstanzug‘ warfen. Im Anschluss ging es dann wieder zu Fuß zurück in das Gymnasium. Das, muss ich ehrlich sagen, war wirklich eine Qual“ (Bericht Seite 223)

„Im Winter mussten wir im Dom vor allem gegen die Kälte ankämpfen […]. Für uns waren Handschuhe und Schals natürlich verboten. […] Ich weiß nicht, was es für einen Sinn machte, mit klappernden Zähnen zu singen.“ (Bericht Seite 223)

„Ich hatte in seiner Chorstunde zu Beginn solche Angst, dass ich mich während des Singens durch Ritzen mit einem kleinen Messer an Unterarm und Oberschenkel selbst verletzte, weil ich damals dachte Gott würde die Chorstunde verkürzen, wenn ich ein Opfer brächte. Ich war 11 Jahre alt.“ (Bericht Seite 217)

„Dabei wurde ich selbst Opfer dieses äußerst unbeherrschten und jähzornigen neuen Chorleiters […], als er mich vorsingen ließ und weil nicht alles auf Anhieb so funktioniert hat, wie er sich dies vorstellte, mir als Brillenträger– ich war damals bereits 19 Jahre alt– mit der rechten und der linken Hand ins Gesicht schlug, so dass meine Brille zu Boden fiel und kaputtging. In seiner Wut schlug er mir auch die Noten aus der Hand.“  (Bericht Seite 217)

Damit hier kein Missverständnis entsteht. Der Bericht schildert nicht etwa die Taten eines einzelnen wahnsinnigen Lehrers, der unerkannt unter den ansonsten braven Lehrern der Domspatzen gewütet hat, sondern ein dort herrschendes Erziehungssystem. Die von mir ausgewählten Zitate geben nur ein Bruchteil der im Bericht auf über 400 Seiten enthaltenen Schilderungen wieder. Auf die Wiedergabe des ebenfalls dort stattgefundenen sexuellen Mißbrauchs habe ich verzichtet.

Geschichtliches

Bereits im Mai 1959 wurde der ehemalige Internatsleiter  der Domspatzen Friedrich Zeitler wegen „Unzucht mit Abhängigen“ zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt. Sein Nachfolger wurde Georg Zimmermann, der dann seinerseits im Februar 1969 wegen „fortgesetzten sexuellen Missbrauchs von Abhängigen und Kindern“ zu 20 Monaten Haft verurteilt wurde. Nach Zimmermann ist seit 1993 eine Straße im Ort Eslarn benannt.

Im Oktober 1958 wurde Johann Meier  Direktor des „Schul- und Musikinternats der Regensburger Domspatzen in Etterzhausen“. Er behielt diese Position bis 1992. Meier wird bisweilen so geschildert: „ein Mann, der die modernen Leitsätze der Pädagogik nicht wirklich verinnerlicht hatte. Er hatte zumeist Kopfnüsse im Repertoire, bisweilen mit dem Schlüsselbund zwischen den Fingern. In Etterzhausen, wo er neben dem Internat wohnte, schnitt er sich angeblich auf dem Weg zur Arbeit Weidenruten zurecht. Erziehungsinstrumente.“

Der ehemalige Domspatzen-Kapellmeister Georg Ratzinger nannte die Aufklärung der Vorfälle kürzlich „einen Irrsinn“. Gewusst habe er auch nichts. In einer Festschrift zum 50-jährigen Gründungsjubiläum des Musikgymnasiums von 1998 würdigte Ratzinger das Werk des als gewalttätig und übergriffig geltenden Direktors der „Grundschule der Regensburger Domspatzen“. Demnach sei Meiers Erziehungsstil nach beinahe 40 Jahren selbstloser Tätigkeit „in der modernen Zeit nicht mehr verstanden worden“  Der SPIEGEL vermeldete 2010  „Auch Chorchef Georg Ratzinger, der Bruder von Papst Benedikt XVI.wurde von ehemaligen Domspatzen als „extrem cholerisch und jähzornig“ erlebt. So habe Ratzinger noch Ende der achtziger Jahre bei Chorproben erzürnt Stühle in die Männerstimmen hineingeworfen. Einmal habe sich der Domkapellherr so erregt, dass ihm sogar das Gebiss herausgefallen sei. Der 86-jährige Ratzinger wollte sich dazu nicht äußern.“

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4 Antworten to “Bei den Domspatzen”

  1. Kenguru Says:

    Wie wird wohl die juristische Auswerung ausgallen?
    Alles unter den Tisch und weiter mit dem nächsten Choral.

  2. Uwe Werner Says:

    Ich war nicht in einer so elitären Einrichtung bzw. Internat, wie einer Domsingschule, Odenwaldschule oder Canisius-Kolleg. Als ehemaliges Heimkind war ich in Westuffeln in Werl/Westf. ein ganz ordinäres Kinderheim, von denen es hunderte in Deutschland gab nach 1945 (Ich bin Jahrgang 1952).
    Nur die perversen Erziehungspraktiken und sexuellen Missbräuche an tausende Heimkinder (geschätzte 1.000.000) wurden an allen Heim-u.Internatskindern gleichermaßen vollzogen.
    Ja es ist verjährt, aber wie man sieht noch heute latent vorhanden.
    Wir haben uns zusammengeschlossen zur 1.Community-Ehemalige Heimkinder NRW e.V. mit Sitz in 41238 Mönchengladbach, Bödikerstr. 74 02166-9972838

  3. Schon diese Auszüge aus den Äußerungen ehemaliger Domspatzen zu lesen, erschüttert mich. Was für ein Leid, das die Erwachsenen den Kindern und Jugendlichen bereitet haben. Die Verantwortlichen des Roms müssen einen substantiellen Betrag für Therapieangebote bereit stellen. Ob sie bereuen und zuverlässig bessere Verhältnisse werden schaffen können, wird man sehen.

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