Der „Anzug von der Stange“ als Bürgerpflicht des Politikers

Auf meinem heutigen Weg ins Büro las ich den aktuellen Spiegel (Heft 25/2010), Dort findet sich auf Seite 28 ff ein Artikel über die angeblich neuen Aufsteiger in der CDU.Hängengeblieben bin ich bei folgender Aussage zu Herrn David McAllister (CDU-Niedersachsen):

„Er war mal Schützenkönig seiner Heimatstadt Bad Bederkesa und raucht Marlboro, seine Anzüge sind solide Stangenware.“

Anzüge „von der Stange“ zu tragen scheint also aus Sicht eines schreibenden Journalisten ein irgendwie geartetes Qualitätsmerkmal eines Politikers zu sein. Gleiches wusste die Presse nämlich auch schon eifrig von Herrn Theodor zu Guttenberg zu berichten:

„Nach Auskunft seiner Ehefrau Stephanie kocht er leidenschaftlich gerne und putzt seine Schuhe selbst. Statt Maßanzügen kaufe der Minister seine Kleidung von der Stange.“

Obwohl Politiker einer Tätigkeit nachgehen, die es mit sich bringt ständig in der Öffentlichkeit präsent zu sein (und ohne Zweifel ausreichend Salär erhalten und über Priviliegien wie Dienstwagen verfügen) scheint bei der Wahl des Anzuges eine Grenze zu sein.

Fast schon entschuldigend wird extra  betont:

Die Anzüge sehen an ihm aus, als hätte ein Herrenausstatter in der Londoner Savile Row Maß genommen, stammen aber von der Stange, Größe 98, für die schlanken Größen. (Spiegel Online über Guttenberg)

Eine Ausnahme von dieser Regel machte Gehard Schröder, mit der Folge, dass ihm seine Vorliebe für Anzüge des Herstellers Brioni auch prompt und regelmäßig angekreidet wurde.

Ganz im Gegensatz zu Gerhard Schröder. Mit italienischen Anzügen der Marke Brioni hat er schon kurz nach seinem Amtsantritt für Aufsehen gesorgt. Nicht nur im positiven Sinne: Als er sich von einem Starfotografen im Kaschmir-Mantel für damals 4000 Mark fotografieren ließ, wurde er als „Brioni-Kanzler“ der gut betuchten „Neuen Mitte“ verspottet.

ZEIT online widmete der Anzugwahl von Herrn Schröder einmal sogar einen kompletten gehässigen Artikel

James Bond hat keine Partei, keine Fraktion, keine Koalition. Zur Rettung der Welt genügen ihm drei Dinge: ein schnelles bayerisches Cabrio, die Lizenz zum Töten und der richtige Anzug. Klar, dass Schröder gern James Bond wäre. Von dessen drei Attributen steht ihm aber nur das letzte zur Verfügung. Klar, dass Schröder Brioni trägt.

Man darf sich angesichts solcher Pressestimmen nicht wundern, wenn der deutsche Durchschnittsmann per se ein Problem mit dem tragen von Anzügen hat bzw. sich bei der Wahl eines Polyester Anzuges einer Kaufhauskette schon fast overdressed fühlt. Aus Sicht der Journalisten scheint dagegen ein maßgeschneiderter Anzug damit geradezu Inbegriff der Prunksucht und Dekadenz des Trägers zu sein, sowie ein Beweis für fehlende Nähe zum einfachen Volk. Das mag natürlich auch der schlechten Bezahlung vieler Schreiberlinge geschuldet sein.

Ich bin mal wieder froh mein Geld nicht in der Politik zu verdienen.

3 Antworten to “Der „Anzug von der Stange“ als Bürgerpflicht des Politikers”

  1. Nun-ex-Referendar Says:

    Ich wäre froh, wenn ich so viel Geld wie ein Berufs-Politiker bekommen würde und mir Maßanzüge leisten könnte.

    So gibt es halt weiterhin gebrauchte Stangenware.

  2. Besucher2778 Says:

    Über die Anzüge des Kanzlers gabs ja mal sogar ne längere Reihe (!) im Stern.

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